Rudelverhalten

Mein Wolf im Hundepelz kennt keinen Welpenschutz


Louni ist ja mit zunehmendem Alter immer ungnädiger anderen Hunden gegenüber geworden. Mit jeder Läufigkeit zickte sie mehr herum. Und seitdem sie Klimt an ihrer Seite hat, ist der Ofen so gänzlich aus. Zwar pöbelt sie nicht an der Leine wie er es tut, sondern bleibt recht cool. Aber sobald ein anderer Hund ihre Individualdistanz unterschreitet oder sie den Eindruck hat, ich habe eine Situation nicht unter Kontrolle, verwandelt sie sich in eine wütende Furie und stürzt sich auf das andere Getier. Ok, Tote und Verletzte gab es noch nicht. Aber das liegt zum einen daran, dass ich solchen Situationen ausweiche und wohl auch daran, dass sie keine Tötungsabsicht hat, sondern einfach nur ihre Ruhe möchte. Aus irgendwelchen Gründen (womöglich wurde sie auf der Hundewiese einmal zu oft gemobbt?) betrachtet sie Fremdhunde als eine Bedrohung, die es fern zu halten gilt.



Bei Welpen macht sie übrigens auch keine Ausnahme. Im Gegenteil: Distanzlose Welpen und Junghunde sind besonders nervig. Louni widerlegt als lebender Beweis die Mär vom Welpenschutz auf eindrucksvolle Weise. Damit das kleine Leinenlose und seine ahnungslosen Halter nicht fürs Leben gestört zurückbleiben, schicke ich da gnädigerweise schon mal Pufferhund Klimt los und verschaffe den Haltern mit den überdramatischen Worten „Die Schwarze beißt. Bitte anleinen!“ etwas Zeit ihren Welpen doch noch einzusammeln.
Aber wie man es dreht und wendet: Lounis Auftritte sind schon echt nervig – zumindest solange man sie nicht versteht oder glaubt sie zu verstehen. Ich habe mich mittlerweile damit versöhnt. Keine Ahnung, ob meine Interpretationsversuche stimmen, aber für mich ist es ok, so wie es ist. Denn in meiner Welt ist Louni einfach ein Hund, der ein sehr uriges, wolfsähnliches Verhalten an den Tag legt. Der Wolf findet fremde Artgenossen auch ziemlich kacke. Während nichts über das eigene Rudel, dessen Gemeinschaft letztlich allen das Überleben sichert, geht, werden fremde Wölfe vertrieben und nicht selten sogar getötet. Sie sind letztlich nur Fressfeinde. Einer der größten Mortalitätsfaktoren bei Wölfen ist der Tod durch ein anderes Rudel. Vor allem jungen Wölfen, die auf der Suche nach einem eigenen Territorium andere Reviere durchstreifen, passiert das.
Ein ähnlich ambivalentes Verhalten – nur wie erwähnt ohne Töten eben - zeigt mein altes Mädchen. Fremde Hunde sind kacke. Das Rudel ist heilig. 

Ludwig

Das beste Beispiel dafür ist Ludwig. Bei meiner Tante ist kürzlich ein kleiner Münsterländerwelpe eingezogen – Ludwig eben. Wir haben uns zum Spaziergang verabredet und ich war relativ nervös, weil ich nicht sicher war, wie sich meine Monster verhalten werden. Wir haben uns darauf geeinigt erstmal auf neutralem Gebiet einige Meter an der Leine zu laufen. Als Klimt den Minihund sah machte er sich sofort prollig-steif und checkte ganz checkermäßig das Hündlein bis es für langweilig befunden wurde. Ok, kann ich mit leben. 

Klimt findet Ludwig nur so semi-spannend und macht nen Tschüßinger.

Und dann machte mir Louni eine große Freude, indem sie gelassen, aber interessiert das Hinterteil des Welplings abschnupperte und offenbar für gut befand. Keine Aggression, kein Meideverhalten – nichts! Ich bin mir sehr sicher, dass die Reaktion nur der Tatsache geschuldet war, dass meine Tante und mein Onkel zum Rudel gehören, und Ludwig dadurch eben einfach auch. Während des Spaziergangs war sie die ganze Zeit sehr, sehr gnädig mit ihm, obwohl der kleine Trottel ihr sogar von hinten in die arthritischen Beine gestolpert ist. Auch Ludwig fand mein Lounchen ganz gut (besser als den einschüchternden Proll-Klimt) und suchte öfters ihre Nähe.Nur wenn er zu lange an ihr herumhampelte, setzte sie ein kurzes Zeichen. Doch dabei war sie immer gelassen und sehr klar. Sie stellte die Ohren und die Rute, spannte sich etwas an, wendete sich ihm zu und öffnete leicht den Fang, um einen Schnauzgriff anzudeuten. Der kluge Ludwig verstand sofort.

Kollektives Schnuppern erlaubt Louni gnädigerweise.

Eine ähnliche Situation gab es bereits vor Jahren, als ich noch in einer Wohngemeinschaft lebte und meine Mitbewohnerin einen Pudelwelpen mitbrachte. Mit einer liebevollen Strenge nahm sich mein Lounchen dem Welpen an. Wenn sie ein Machtwort sprach nässte sich klein Zora zwar fast ein vor Unterwürfigkeit, doch im nächstem Moment lag Louni auch schon wieder auf dem Rücken und ließ mit geduldiger Milde zu, dass der Welpe an ihr herumzerrt und auf ihr herumspringt.

Rudelspaziergang mit dem Pudel. (Foto: Amy)

Mein schlussendliches Fazit ist daher, dass Louni nicht an sich komplett unverträglich und gestört ist, sondern stattdessen sehr wolfstypisch handelt, ihr Rudel beisammen hält und im „Notfall“ glaubt, es schützen zu müssen. Dabei ist sie sehr höflich und geduldig, was sie auch von ihrem Gegenüber bedingungslos erwartet. Ein gewisses Kontrollverhalten kann man ihr wohl nicht absprechen. Aufgeregtheit, Aggression oder Distanzlosigkeit maßregelt sie konsequent.

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Kommentare

  1. Das ist eine schöne Erklärung, die auch auf Kalle gut passt. Innerhalb des Rudels sehr sozial, aber Fremde sollten ihm nicht zu nahe kommen. Auch dass der Nachbarshund ihn so unglaublich wütend macht, passt in dieses Bild. Aus Kalles Sicht bedroht der ständig unsere Reviergrenzen, ohne dass ich etwas dagegen unternehme. Zwei konkurrierende Wolfsrudel würden nie so nahe aneinander wohnen, ohne einander zu bekriegen. Von daher ist sein Verhalten schon verständlich, auch wenn es manchmal nervt. :)

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    1. Ha! Stimmt. An die Gartenhunde habe ich noch gar nicht gedacht. Die in unserer Nähe werden angepöbelt. In unbekannter Umgebung werden sie meist ignoriert. Da stolzieren beide zwar angespannt vorbei, aber akzeptieren wohl irgendwie, dass der gerade nur sein Reich verteidigt.

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  2. Hallo Diana,
    mir geht es mit meiner Jack Russel Hündin Davita oft ganz ähnlich.
    Auf uns kam einmal ein kleiner Labrador in Straßennähe zugeflitzt. Ich hatte große Sorge, dass der kleine Kerl sich erschreckt, wen mein Hundemädchen ihm erklärt, was sie von hibbeligen Begrüßungen so hält. Also habe ich den kleinen Kerl einfach geschnappt und ihn mir unter den Arm geklemmt, bis sein Herrchen auf meiner Höhe war. :)
    Es gab ein paar verdatterte Blicke, aber immerhin wurde klein Hundebaby geschreddert. Alles gut ausgegangen.
    Danke für den Artikel. Hoffentlich spricht es sich ein wenig rum, dass nicht jeder erwachsene Hund Welpen toll findet und Welpenschutz tatsächlich nur im eigenen Rudel besteht.
    Herzliche Grüße
    Anna

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    1. Das mit dem Einsammeln merk ich mir. Weiß allerdings nicht, ob es klappt. Denn ich habe ja noch meine zwei Monster an der Leine.

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