Womöglich sitzt ja in jedem Tierheim ein "Chico"?


 Lex hat seine eigenen Gesetze

Jobtechnisch war ich kürzlich in einem bayerischen Tierheim. Die Kollegen schlossen schon Wetten ab, mit wie vielen Viehchern ich wohl zurück käme. Alles Quatsch. Ich blieb natürlich ganz Profi... naja fast. Aber lest selbst.

Nette Menschen, die mehr geben, als es irgendein Mindestlohn würdigen könnte, treffe ich. Sehr freundliche Mopsmädchen mit ausgelutschtem Gesäuge springen an mir hoch. Sie gehören schon fast zum Tierheiminventar, nachdem sie aus einer sogenannten „Hobbyzucht“ beschlagnahmt wurden, und dürfen sich in den Büroräumen frei bewegen. Im Katzenhaus vergesse ich meine Katzenallergie schnell, als mich etliche zum fressen goldige Kitten aus ihren unschuldigen Augen anstarren. Sie dürfen im Tierhheim aufwachsen, nachdem man versäumt hatte, ihre Mütter zu kastrieren. Sogar Wildentenküken bekomme ich vor die Linse. Zugegeben sie sind etwas kamerascheu, aber was will man auch erwarten von Waisen, deren Mutter vermutlich vom Grundstücksbesitzer kalt gemacht wurde, weil der Enten doof findet und sie selbst nur dank eines umsichtigen Nachbarn überlebten.


Am Ende des Rundgangs geht es zu den Hundezwingern. Wir laufen die Reihen entlang, die Hunde verhalten sich recht gesittet. Brave Tiere. Hübsche Tiere. Tiere mit Chance und Hoffnung. Die gehen auf jeden Fall irgendwann weg, denke ich. Wir bleiben draußen stehen, unterhalten uns kurz. Mein Blick trifft ein paar braune Augen. Gar nicht gesittet. Das Bellen klingt anders: Aufgeregt,  ernst, bereit. „Warum sitzt denn der Australian Shepherd ein?“, höre ich mich fragen. „Der ist nicht sauber im Kopf“, sagt die Tierheimleiterin und macht eine wischende Geste mit der Hand vor ihrem Gesicht.
Lex heißt der Rüde. Lateinisch: Das Gesetz. Lex hat seine eigenen Gesetze. Mit einen dreiviertel Jahr gab ihn seine Familie ab. Jetzt ist er 1 ½. Bereits heute hat er die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht. Er war mehrfach vermittelt. Er hat mehrfach gebissen. Eine Pflegerin des Tierheims hat er verletzt. Sieben Stiche. Lex attackiert mit Beschädigungsabsicht. „Wenn man etwas von ihm will, beißt er“, so die Leiterin. Ein klarer Auslöser sei aber nicht zu erkennen.
Wir gehen näher an seinen Zwinger heran. Lex versteckt sich zwischen Bettchen und Wand. Ich sehe ihn kaum. Die Tierheimleiterin ruft seinen Namen. Er springt auf, das Bettchen kracht laut, er klemmt die Rute ein und bellt aggressiv. Bis ganz ans Gitter wagt er sich nicht vor. Unsicher ist er, aber entschlossen. Schöne weiße Zähne. Glänzendes Fell. Braune Augen. Never ever, würde ich diesen Zwinger betreten, geschweige denn diesen Köter mit nach Hause nehmen. Ich bin Realistin. Mein Herz zerbricht trotzdem ein bisschen.
Ich erfahre, dass die Euthanasie im Raum steht. Manchmal sei das auch für den Hund das Beste. Denn Lex ist eine Gefahr. Wer könnte die Verantwortung übernehmen!? Welches Leben hätte er hinter Gittern?! Zuvor aber soll ein Trainer noch drauf schauen. Dann erst fällt die Entscheidung.


Die Überlegungen sind die gleichen wie bei Chico, nur dass es keine Toten, keine Petition und keine mediale Aufmerksamkeit gibt. Ich gewinne den Eindruck, es könnte gar nicht so abwegig, sein, dass es in so ziemlich jedem Tierheim einen „Chico“ gibt. Es interessiert nur einfach niemanden, außer den Mitarbeitern, die eine schwere Entscheidung treffen müssen. Klar, Lex ist natürlich auch kein rührseliger Hundeopa mit zusammengeschwollenem Gesicht und einer haarsträubenden Milieu-Geschichte. Ich frage mich trotzdem, wo denn jetzt die ganzen Leute sind, die „FreeChico!“ gerufen haben und einen krassen Problemhund aufnehmen und retten möchten? Hey, das wäre eure Gelegenheit. Leeres Geschwätz? Ganz offenbar. Denn wer das mit allen Konsequenzen, Unannehmlichkeiten und eine riesigen Portion Verantwortung tatsächlich tun möchte, hätte nicht nach Hannover gehen müssen, der muss nur einige Kilometer weit ins nächste Tierheim fahren und findet dort seinen „Chico“, seinen "Kowu", seinen "Pascha", seinen „Lex“.



Kommentare

  1. Sehr traurig. Haben einen lieben, wunderbaren Rassehund mit blaustem Blut aber ab und an schaue ich mir doch die Homepage des ansässigen Tierheims an und frage und habe ein schlechtes Gewissen. Die Nachbarin hat einen Gnadenhof mit vielen armen Seelen die in ihrem neuen Rudel glücklich wirken. Da macht einem das viele Bellen nur noch halb so viel aus.

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  2. Sehr sehr traurig in der Tat. Und natürlich hast du recht, in jedem Tierheim sitzt so ein Lex, in manchen sogar mehr als einer.
    Als wir uns damals nach dem Tod unserer Hündin sehr bewusst für einen Langzeitinsassen entschieden haben, hatte ich eine lange Liste mit Hunden die in Frage gekommen wären.
    Das ist jetzt drei Jahre her. Gut die Hälfte der Hunde auf meiner Liste ist nach wie vor im Tierheim. Und je älter sie werden, desto geringer ist natürlich auch die Chance dass jemand sie adoptiert. Sehr sehr traurig.
    Noch trauriger finde ich allerdings, die Aussage der Tierheimleiterin zu ihrem Schützling...
    So was ist mir in all meiner Zeit als ehrenamtliche Gassigängerin nicht begegnet. Da klingt so viel Abwertung durch, so wenig Wohlwollen.
    Man kann und muss mit dieser Sorte Hund arbeiten. Man darf sie nicht verniedlichen oder ihre Probleme klein Reden, aber man muss es irgendwie schaffen weiterhin eine gewisse Wertschätzung für sie aufzubringen.
    Ich bin über den Artikel in dem du dich sehr frustriert über Klimt zeigst auf deinen Blog gestoßen und ich kenne die Momente in denen man sauer und genervt ist sehr gut. Aber spätestens wenn man die Kommentare zum Artikel liest, merkt man dass du deine Hunde sehr gern hast.
    Das fehlt dem armen Lex. Und das erst nach 1.5 Jahren am äußerten Rand der Klippe zur Euthanasie ein Trainer hinzugezogen wird, das lässt mich nicht nur traurig sondern auch ratlos zurück.
    Ich danke dir trotzdem für diesen Artikel. Es steckt viel Wahrheit drin.

    Viele Grüße von Judith und dem Schlamuzzle am Ende der Leine

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    1. Sehr cool, dass ihr euch für einen Hund entschieden habt, der schon lange saß. Ihr habt meinen absoluten Respekt.
      Kurz zum Tierheim: Mein Eindruck, war gar nicht, dass die Leitung oder Mitarbeiter abwertend oder gar lieblos waren. Das sollte der Text nicht transportieren. Vielmehr schwang so etwas wie Trauer und Ärger über die Menschen, die das in den Anfängen vermasselt haben, mit. Ich hatte durchaus den Eindruck, dass man um den Hund bemüht war/ist, was die Vermittlungsversuche und bisherigen Resozialisierungsversuche zeigen. Dort haben alle Mitarbeiter einen Sachkkundenachweis. Problemhundetrainer mit unendlich Zeit und Know-How sind sie natürlich nicht. Daher nun auch die Kontaktaufnahme mit jemandem, der sich mit dieser Problematik besser auskennt. Mit ein wenig Gernhaben ist es bei solchen Hunden leider nicht getan. Die sind zumindest am Anfang mehr als ein Vollzeitjob. Den kann ein Tierheim mit etlichen anderen Insassen nicht leisten und eine entsprechende Privatperson zu finden, ist wohl wie ein 6er im Lotto.

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    2. Ach das erleichtert mich sehr. Und ich kann es sogar sehr gut nachvollziehen, wann immer ich feststelle, dass unser Hund sich (kopfmäßig) in etwas hinein manövriert, aus dem er keinen Ausweg mehr sieht, als zu beißen, denke ich: ach Schlamuzzle… Was für ein toller Hund du geworden wärest, wenn du nur von Anfang an bei verantwortungsbewussten Menschen gelebt hättest.
      Letztendlich hat unser Hund mit uns vermutlich wirklich den 6er im Lotto gezogen. Und ja.... Die Anfänge waren anstrengend, wenn ich auch sagen muss, dass ich es vor allem emotional anstrengend fand. Rund um die Uhr Training hätte den Hund definitiv überfordert. Allein der Umzug vom Zwinger in die Wohnung hat dazu geführt, dass der Arme wahnsinnig viel geschlafen hat. Wir haben ihn schlafen lassen, weil wir es für kontraproduktiv hielten, sein Stresslevel höher als nötig zu fahren. Es gab zwar Leute, die der Ansicht waren, dass man ihn so oft wie möglich in eine Situation bringen sollte, in denen er Auslösen (sprich beißen) würde, um ihm zu zeigne, dass er nicht weiter kommt, aber ich glaube dass ab einem gewissen Stresslevel kein Lerneffekt mehr erzielt werden kann. Außerdem kamen die Situationen "zum Üben" dann auch von allein oft genug vor... Und aus all dem resultierte eine sehr lange Probephase, in der wir uns immer mal wieder gefragt haben, ob wir uns oder Hund nicht vielleicht Zuviel zumuten, ob wir ihm auch gerecht werden. Dieses "nicht genau wissen ob er bleiben kann" , aber auch die Reaktionen im direkten Umfeld auf unsere Entscheidung "so einen" zu nehmen, die nicht ausschließlich positiv waren, fand ich persönlich unfassbar anstrengend...

      Schau gerne mal bei mir im Blog vorbei! Wenn du den Link nimmst, kannst du unsere Geschichte chronologisch lesen.

      https://schlamuzzle.wordpress.com/2018/04/22/spazierenstehen-die-ersten-runden-mit-schlamuzzle/



      Viele Grüße

      Judith und Schlamuzzle

      p.S. Sorry für die späte Antwort, aber längere Texte finde ich mit dem Smartphone ätzend zu schreiben und so musste die Antwort warten, bis ich es an den Laptop schaffte...

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    3. Hey, ja habe sogar schon mal bei euch vorbeigeschaut. Aber nur kurz und eben auch am Handy. Bin nämlich gerade im Umzugs- und Renovierungsstress. Da bleibt irgendwie kaum Zeit für was anderes, ausser Hunde und Schlafen vielleicht - sofern es die Temperaturen zulassen...

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